Männer kommen später in die Sexualtherapie als Frauen, und sie kommen meist mit einem klar benannten Problem: Die Erektion bleibt aus, der Samenerguss kommt zu früh, die Lust ist weg. Was dahintersteckt, ist selten nur körperlich — und fast nie so einzigartig, wie es sich anfühlt.

Warum es so lange dauert, bis jemand kommt
Zwischen dem ersten Auftreten eines sexuellen Problems und dem ersten Termin liegen bei Männern häufig Jahre. Drei Gründe hört man immer wieder: Man wartet, ob es von selbst weggeht. Man versucht es mit Mitteln aus dem Internet. Und man hat den Eindruck, dass ein Mann das eigentlich können müsste.
Das Warten hat einen Preis. Je länger ein Muster läuft, desto mehr Erfahrungen sammeln sich an, die es bestätigen — und desto stärker wird die Erwartung, dass es wieder nicht klappt. Diese Erwartung ist bei den meisten sexuellen Funktionsstörungen ein wesentlicher Teil des Problems, nicht nur eine Begleiterscheinung.
Die häufigsten Anliegen
Erektionsstörungen
Die Erektion bleibt aus, kommt verzögert oder hält nicht. Zwei Anteile spielen fast immer zusammen.
Der körperliche Anteil. Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Nikotin, Hormonmangel und eine ganze Reihe von Medikamenten — Blutdrucksenker, Antidepressiva, manche Prostatamittel — wirken auf die Erektion. Eine erektile Dysfunktion kann ein früher Hinweis auf eine Gefässerkrankung sein, die noch keine anderen Beschwerden macht. Deshalb gehört eine ärztliche Abklärung dazu, und zwar zuerst.
Der psychische Anteil. Nach dem ersten Mal, in dem es nicht ging, beobachtet man sich beim nächsten Mal. Genau diese Beobachtung verhindert, was sie überwachen will: Wer prüft, ob die Erregung noch da ist, ist nicht mehr bei der Erregung, sondern beim Prüfen. Der Fachbegriff dafür ist Selbstbeobachtung oder «spectatoring». Er beschreibt einen Kreislauf, der sich mit jedem Mal verstärkt — und der sich unterbrechen lässt.
Ein Anhaltspunkt, keine Diagnose: Wenn morgens oder bei der Selbstbefriedigung Erektionen auftreten, beim Sex mit einer Partnerin oder einem Partner aber nicht, spricht das für einen grossen psychischen Anteil. Wenn die Erektionen generell und über alle Situationen hinweg nachgelassen haben, spricht das für eine körperliche Mitursache. Beides ersetzt keine Untersuchung: Fachgesellschaften empfehlen bei jeder Erektionsstörung eine Erhebung der Herz-Kreislauf-Risiken.
Vorzeitiger Samenerguss
Der häufigste Grund, warum Männer eine Sexualtherapie aufsuchen. Die Frage, ab wann etwas «vorzeitig» ist, lässt sich nicht über eine Stoppuhr beantworten — massgeblich ist, ob der Betroffene den Zeitpunkt beeinflussen kann und ob er darunter leidet.
Therapeutisch geht es um die Wahrnehmung der eigenen Erregung. Viele Männer beschreiben ihre Erregung als binär: Es geht, und dann geht es plötzlich nicht mehr anders. Tatsächlich verläuft Erregung auf einer Kurve, und diese Kurve lässt sich wahrnehmen lernen. Wer merkt, wo er darauf steht, kann eingreifen — über Atmung, über Muskelspannung, über Tempo.
Zwei Formen sind zu unterscheiden. Bestand es von Anfang an, lässt sich gut an der Erregungswahrnehmung arbeiten; wo das nicht genügt, gibt es wirksame Medikamente, die eine Ärztin verschreibt — die Verbindung von beidem wirkt in Studien besser als jedes für sich. Hat es später begonnen, gehört es zuerst ärztlich abgeklärt: eine Erektionsstörung, eine Prostataentzündung oder eine Schilddrüsenüberfunktion können dahinterstehen.
Lustlosigkeit
Weniger sichtbar und stärker schambesetzt, weil sie dem Bild am deutlichsten widerspricht. Männer erwarten von sich, jederzeit zu wollen, und deuten fehlende Lust als Versagen oder als Zeichen, dass sie den Partner nicht mehr lieben.
Die Gründe reichen von Erschöpfung, Schlafmangel und Dauerstress über hormonelle Ursachen bis zu ungelösten Konflikten in der Beziehung. Häufig ist auch schlicht, dass Sexualität im Alltag keinen Raum mehr hat und dann unter Bedingungen stattfinden soll, unter denen sie kaum entstehen kann.
Am häufigsten übersehen wird die Depression. Wenn nicht nur die Lust weg ist, sondern auch Antrieb, Freude an anderem und Schlaf, gehört das zuerst abgeklärt und behandelt — die Sexualität kommt dann oft von selbst zurück.
Und wenn Sie ein Antidepressivum nehmen und sexuelle Nebenwirkungen bemerken: Setzen Sie es nicht selbst ab. Es gibt Alternativen und Anpassungen, aber die gehören in ärztliche Hand.
Wenn Pornografie den Alltag bestimmt
Nicht jeder Konsum ist ein Problem. Zum Thema wird er, wenn er Zeit frisst, die anderswo fehlt, wenn er heimlich läuft und deshalb belastet, oder wenn die Erregung im Zusammensein mit einem realen Gegenüber nicht mehr entsteht. Der letzte Punkt ist therapeutisch der interessanteste: Erregungsmuster sind lernbar — und damit auch umlernbar.
Schmerzen, Vorhautprobleme, Beckenboden
Schmerzen beim Sex sind kein reines Frauenthema. Vorhautverengungen, Entzündungen und ein dauerhaft überspannter Beckenboden kommen vor. Auch hier gilt: zuerst ärztlich abklären, dann sexualtherapeutisch arbeiten.
Warum körperbezogen gearbeitet wird
Ein reines Gespräch über Sexualität verändert selten, was der Körper tut. Ich arbeite mit Sexocorporel, einem Ansatz, der auf Jean-Yves Desjardins zurückgeht und Atmung, Bewegung, Muskelspannung und Erregungswahrnehmung einbezieht.
Ein Beispiel: Viele Männer halten bei hoher Erregung die Luft an und spannen Bauch, Gesäss und Beckenboden gleichzeitig an. Dieses Muster steigert die Erregung schnell und macht sie schwer steuerbar. Es ist nicht angeboren, sondern erlernt — meist in der Pubertät, unter Bedingungen, unter denen es schnell gehen musste. Was erlernt ist, lässt sich verändern.
Dazu kommen je nach Anliegen Übungen aus dem Sensate Focus, einem Vorgehen, das auf die Arbeit von William Masters und Virginia Johnson zurückgeht. Es nimmt Leistungsdruck heraus, indem es Berührung ausdrücklich vom Ziel Geschlechtsverkehr entkoppelt.
Was viele vorher wissen wollen
- Muss ich mich ausziehen? Nein. Sexualtherapie ist eine Gesprächstherapie. Es gibt keine körperliche Untersuchung und keine Berührung durch mich.
- Wo finden die Übungen statt? Zu Hause, allein oder mit Partnerin oder Partner. In der Praxis besprechen wir, was dabei passiert ist.
- Muss meine Partnerin mitkommen? Nein. Viele beginnen allein. Wenn es für die Behandlung sinnvoll wird, kann sie später dazukommen.
- Wie lange dauert das? Das hängt vom Anliegen ab. Nach drei bis vier Sitzungen lässt sich der Rahmen einschätzen, vorher nicht seriös.
- Was, wenn es mir unangenehm ist? Sie bestimmen Tempo und Inhalt. Ich frage nach, aber Sie entscheiden, was Sie erzählen.
- Erfährt jemand davon? Nein. Psychologinnen und Psychologen unterstehen dem Berufsgeheimnis nach Artikel 321 des Strafgesetzbuchs.
Zuerst zum Arzt oder zuerst hierher?
Lassen Sie es in jedem Fall ärztlich abklären. Besonders dringlich ist das, wenn die Beschwerden schleichend begonnen haben und langsam zunehmen, wenn sie in allen Situationen bestehen — auch morgens und bei der Selbstbefriedigung —, wenn Schmerzen dazukommen, wenn Sie Medikamente nehmen oder wenn Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Blutfette oder eine Herzerkrankung bekannt sind. Eine Erektionsstörung kann ein Frühzeichen einer Gefässerkrankung sein, die sonst noch keine Beschwerden macht.
Ein plötzlicher, situationsgebundener Beginn spricht für einen erheblichen psychischen Anteil — er schliesst eine körperliche Mitursache aber nicht aus. Zur Sexualtherapie können Sie parallel oder danach kommen; eine Überweisung brauchen Sie dafür nicht. Besonders sinnvoll ist sie, wenn die ärztliche Abklärung nichts ergeben hat — eine Lage, die viele Männer ratlos zurücklässt.
Was Medikamente können und was nicht
Viele Männer haben vor dem ersten Termin bereits ein Medikament ausprobiert, häufig aus dem Internet. Zwei Dinge dazu.
Was sie leisten: Sogenannte PDE-5-Hemmer verbessern die Durchblutung und erleichtern damit eine Erektion. Bei körperlich bedingten Erektionsstörungen sind sie eine wirksame Behandlung — verschrieben und begleitet von einer Ärztin.
Was sie nicht leisten: Sie erzeugen kein Verlangen. Wer keine Lust hat, bekommt durch ein Medikament keine. Und sie lösen den psychischen Anteil nicht auf: Die Selbstbeobachtung, der Druck, die Erwartung des Scheiterns bleiben — oft verschieben sie sich nur auf die Frage, ob das Medikament diesmal wirkt. Manche Männer beschreiben danach eine neue Abhängigkeit vom Präparat, auch wenn körperlich nichts dagegen spräche.
Vorsicht bei Bezug ohne Rezept. Präparate aus nicht regulierten Quellen enthalten oft andere Wirkstoffe oder andere Dosierungen als angegeben. In Kombination mit Nitraten, wie sie bei Herzerkrankungen verschrieben werden, kann das gefährlich sein. Das ist einer der Gründe, warum die ärztliche Abklärung an den Anfang gehört.
Wenn die Abklärung nichts ergeben hat
Eine häufige Ausgangslage: Der Urologe hat untersucht, die Werte sind in Ordnung, und der Befund lautet sinngemäss «organisch ist alles normal». Viele Männer erleben das als Sackgasse — das Problem besteht ja weiter.
Tatsächlich ist das ein brauchbarer Ausgangspunkt: Wurde keine behandlungsbedürftige körperliche Ursache gefunden, ist das, was die Erektion behindert, überwiegend erlernt — und Erlerntes lässt sich verändern. Genau dort beginnt die sexualtherapeutische Arbeit: bei der Erregungswahrnehmung, beim Atemmuster, bei der Aufmerksamkeitslenkung, beim Druck. Wie weit sich etwas ändert, zeigt sich im Verlauf. Bleibt es trotz Arbeit unverändert, lohnt sich ein zweiter medizinischer Blick — frühe Gefässveränderungen, eine Schlafapnoe oder Hormonverläufe entgehen einer Standardabklärung regelmässig.
Die Rolle der Partnerin oder des Partners
Sexuelle Probleme betreffen selten nur eine Person. Was der eine als Versagen erlebt, deutet die andere oft ganz anders — häufig als Zeichen mangelnder Anziehung oder als Rückzug aus der Beziehung. Weil beide darüber nicht sprechen, entsteht ein zweites Problem neben dem ersten.
Deshalb ist die Frage, ob und wann die Partnerin einbezogen wird, therapeutisch wichtig. Sie muss nicht mitkommen. Aber es hilft fast immer, wenn sie weiss, woran gearbeitet wird — schon weil viele Übungen zu zweit stattfinden.
Wo die Beziehung selbst der Kern ist, ist Paartherapie das passendere Format. Häufig läuft beides ineinander.

Ein typischer Verlauf
- Erstgespräch. Was ist los, seit wann, in welchen Situationen. Am Ende sagen wir beide, ob wir weitermachen wollen.
- Erhebung, zwei bis drei Sitzungen. Körperliche Faktoren, gelernte Muster, die Rolle der Beziehung, frühere Erfahrungen. Fast immer wirken mehrere Ursachen zusammen.
- Zielklärung. Woran würden Sie merken, dass es besser ist? Diese Frage entscheidet, woran wir arbeiten — und sie fällt vielen schwerer als erwartet.
- Arbeitsphase. Gespräche in der Praxis, Übungen zu Hause. Hier verändert sich das Erleben, nicht nur das Verständnis.
- Abschluss. Was hat gewirkt, woran erkennen Sie einen Rückfall, was tun Sie dann.
Bei vorzeitigem Samenerguss sind spürbare Veränderungen oft nach wenigen Sitzungen möglich. Wo eine belastende Vorgeschichte mitspielt oder mehrere Themen zusammenkommen, dauert es länger.
Sexualität und Alter
Mit dem Alter verändert sich die Sexualität — die Erektion braucht mehr direkte Stimulation, sie kommt weniger von allein, die Erholungszeit wird länger. Das ist keine Störung, sondern eine Veränderung. Zum Problem wird sie meist erst durch den Vergleich mit dem eigenen früheren Erleben.
Ein Teil der Arbeit besteht deshalb darin, die Erwartung an die tatsächliche Physiologie anzupassen, statt umgekehrt. Wer mit dreissig funktionierende Muster mit sechzig unverändert abrufen will, erzeugt genau den Druck, der die Sache verhindert.
Männer und der Gang zur Therapie
Männer nehmen psychotherapeutische Angebote seltener und später in Anspruch als Frauen. Bei sexuellen Themen kommt hinzu, dass das Problem den Kern des eigenen Selbstbildes berührt: Es geht nicht nur um eine Funktion, sondern um die Frage, ob man als Mann genügt.
Zwei Dinge helfen erfahrungsgemäss über die Schwelle. Erstens: Es ist ein umschriebenes Anliegen, kein Ausflug in die Kindheit — wir arbeiten daran, was jetzt passiert. Zweitens: Es ist bearbeitbar. Die meisten Männer, die kommen, kommen mit Problemen, für die es etablierte Vorgehensweisen gibt.
Kosten, Kasse und Ablauf
Eine Sitzung von 60 Minuten kostet CHF 220. Die Termine finden am Grossmünsterplatz 6 oder am Zähringerplatz 11 in Zürich statt, auf Wunsch auch online. Bis 48 Stunden vor dem Termin ist die Absage kostenfrei, danach werden 60 Minuten in Rechnung gestellt.
Sexualberatung und Sexualtherapie rechne ich privat ab. Sie sind keine Pflichtleistungen der Grundversicherung. Läuft die Behandlung als Psychotherapie einer psychischen Störung mit Krankheitswert und liegt eine ärztliche Anordnung vor, kann sie über die Grundversicherung abgerechnet werden — darüber entscheidet aber nicht die Praxis, sondern Ihre Krankenkasse. Bis zu einer Zusage gilt der Privattarif. Alle Tarife und Bedingungen.
Dieser Text ersetzt keine ärztliche Abklärung und keine Behandlung. In einer akuten Krise erreichen Sie die Dargebotene Hand unter 143, in lebensbedrohlichen Situationen den Notruf 144.
Quellen
- Institut Sexocorporel International (iSi) — Trägerinstitut des Ansatzes nach Jean-Yves Desjardins
- WHO, Internationale Klassifikation der Krankheiten ICD-11 — Einordnung sexueller Funktionsstörungen
- Bundesamt für Gesundheit: Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022
- Fedlex: Strafgesetzbuch, Art. 321 Berufsgeheimnis
- PsyFinder der FSP · PsyReg des Bundes
- Die Dargebotene Hand, Tel. 143
Alle Quellen zuletzt aufgerufen am 31. August 2026.