Sexualberatung oder Sexualtherapie — wo liegt der Unterschied?

Wer in Zürich Hilfe bei sexuellen Fragen sucht, stösst auf beide Begriffe. Sie werden oft gleichbedeutend verwendet, meinen aber unterschiedlich viel — und für die Frage, wo Sie anrufen und was die Krankenkasse übernimmt, macht der Unterschied etwas aus.

Zwei Menschen sitzen mit Tassen an einem Tisch und sprechen miteinander
Eine Beratung klärt eine Frage. Eine Therapie verändert einen Zustand. Foto: Priscilla Du Preez 🇨🇦 auf Unsplash

Die kurze Antwort

Eine Beratung klärt eine Frage. Eine Therapie verändert einen Zustand, der länger besteht und belastet. Die Grenze ist fliessend, und beide Begriffe sind in der Schweiz nicht geschützt: Wer sich «Sexualberaterin» oder «Sexualtherapeut» nennt, sagt damit nichts über seine Ausbildung aus.

Geschützt sind andere Titel. Das Psychologieberufegesetz regelt, wer sich Psychologin nennen darf und wer in Psychotherapie tätig sein darf. Die Berufsausübung in eigener fachlicher Verantwortung ist bewilligungspflichtig, und die Bewilligung setzt einen eidgenössischen oder anerkannten ausländischen Weiterbildungstitel in Psychotherapie voraus. Das ist der Punkt, an dem sich Qualifikation überprüfen lässt — nicht am Wort «Sexualtherapeut».

Was eine Sexualberatung leistet

Eine Beratung dauert ein bis wenige Gespräche. Sie ordnet ein, informiert und nimmt Druck weg. Sie setzt keine Diagnose voraus und zielt nicht auf Behandlung, sondern auf Klarheit.

Typische Anlässe:

  • Fragen zur eigenen Orientierung oder Identität. Häufig geht es weniger um eine Antwort als um einen Ort, an dem die Frage überhaupt gestellt werden darf.
  • Unsicherheit über Fantasien und Vorlieben. «Ist das normal?» ist eine der häufigsten Fragen — und meist beantwortet sich viel davon durch verlässliche Information.
  • Kommunikation im Paar. Wie spreche ich über Wünsche, wie über Grenzen, und wie sage ich etwas, ohne den anderen zu verletzen.
  • Wissenslücken. Über den weiblichen Erregungsverlauf, über Veränderungen im Alter, über die Wirkung von Medikamenten auf Sexualität kursiert viel Halbwissen.
  • Einordnung nach einer ärztlichen Diagnose. Was bedeutet dieser Befund für mein Sexualleben?

Am Ende steht Orientierung. Oft genügt das, und es braucht keinen zweiten Termin.

Was eine Sexualtherapie leistet

Eine Therapie läuft über mehrere Sitzungen und arbeitet zusätzlich zum Gespräch mit dem Körper. Zwischen den Terminen üben Sie zu Hause, in der Sitzung besprechen wir, was dabei passiert ist. Der Gegenstand ist nicht ein Wissensmangel, sondern ein eingeschliffenes Muster.

Typische Anlässe:

  • Erektionsstörungen oder vorzeitiger Samenerguss
  • Schwierigkeiten mit Erregung oder Orgasmus
  • Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
  • Lustlosigkeit, die bleibt — auch wenn die Beziehung sonst stimmt
  • Sexuelles Verlangen, das den Alltag belastet
  • Sexualität nach einer Erkrankung, einer Operation oder unter Medikamenten

Die Weltgesundheitsorganisation führt sexuelle Funktionsstörungen in der elften Fassung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten in einem eigenen Kapitel zur sexuellen Gesundheit — ausdrücklich nicht mehr unter den psychischen Störungen. Das war eine bewusste Entscheidung gegen die Pathologisierung. Für die Krankenkasse ist deshalb nicht diese Einordnung entscheidend, sondern ob eine behandlungsbedürftige psychische Störung vorliegt und eine ärztliche Anordnung besteht.

Woran Sie merken, was Sie brauchen

Drei Fragen helfen bei der Einordnung.

Ist es eine Frage oder ein Zustand?

Fragen lassen sich beantworten. Zustände muss man verändern. «Ich weiss nicht, wie ich das ansprechen soll» ist eine Frage. «Ich habe seit zwei Jahren keine Lust mehr, und ich weiss nicht, warum» ist ein Zustand.

Seit wann?

Etwas, das seit einigen Wochen besteht, hat oft einen erkennbaren Auslöser — eine Belastung, einen Konflikt, eine Erschöpfung. Etwas, das seit Jahren da ist, hat sich meist in ein Muster verwandelt, das sich selbst erhält. Das ist der Punkt, an dem Beratung an ihre Grenze kommt.

Leidet der Alltag?

Wenn Sie Situationen meiden, körperliche Nähe ausweichen, Ausreden vorbereiten oder wenn die Beziehung darunter leidet, spricht das für eine Therapie. Nicht weil es schlimm ist, sondern weil Vermeidung ein eigenes Muster wird.

Sie müssen sich vorher nicht festlegen. Im Erstgespräch klären wir gemeinsam, welcher Rahmen passt — und manchmal zeigt sich dabei, dass es weniger braucht als befürchtet.

Was «Sexologe» bedeutet

Sexologie ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit menschlicher Sexualität, an der Medizin, Psychologie und Sozialwissenschaften beteiligt sind. Die Berufsbezeichnung ist in der Schweiz nicht geschützt. Ein Wochenendkurs und eine mehrjährige Weiterbildung führen zum selben Wort auf der Website.

Worauf Sie achten können:

  • Grundberuf. Psychologie oder Medizin mit staatlich anerkanntem Abschluss. Ohne das fehlt die Grundlage, psychische Störungen einzuordnen.
  • Weiterbildung. Eine anerkannte sexologische Weiterbildung mit Umfang, Supervision und Abschluss.
  • Register. Fachpsychologinnen und Fachpsychologen für Psychotherapie sind im PsyFinder der FSP verzeichnet. Wer eine Berufsausübungsbewilligung hat, steht im Psychologieberuferegister PsyReg des Bundes.
  • Schweigepflicht. Psychologinnen und Psychologen unterstehen dem Berufsgeheimnis nach Artikel 321 des Strafgesetzbuchs — sie sind dort namentlich aufgeführt. Bei nicht geregelten Beratungsberufen gilt das nicht automatisch.

Ich bin Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und klinischer Sexologe iSi — die Abkürzung steht für das Institut Sexocorporel International, das die Weiterbildung in diesem Ansatz trägt. Dazu bin ich Direktor des ISP Zürich, das Fachpersonen in Sexualtherapie weiterbildet. Mehr zum Werdegang.

Wie in beiden Fällen gearbeitet wird

Ein Gespräch über Sexualität verändert selten, was der Körper tut. Deshalb arbeite ich körperbezogen, mit dem Ansatz Sexocorporel: Er bezieht Atmung, Bewegung, Muskelspannung und die Wahrnehmung der eigenen Erregung ein. Wer im entscheidenden Moment die Luft anhält und den Beckenboden anspannt, hat ein Muster, das sich beschreiben und verändern lässt.

Daneben kommen je nach Anliegen Übungen aus dem Sensate Focus zum Zug — einem Vorgehen, das auf die Arbeit von William Masters und Virginia Johnson zurückgeht und Leistungsdruck herausnimmt, indem es Berührung vom Ziel Geschlechtsverkehr entkoppelt.

Wichtig für die Erwartung: Die Übungen machen Sie zwischen den Sitzungen, allein oder mit Partnerin oder Partner. In der Praxis wird gesprochen. Es gibt keine körperliche Untersuchung und keine Berührung.

Was Sexualtherapie nicht ist

Weil die Begriffe unscharf sind, hier die Abgrenzung nach unten — was Sie bei mir nicht bekommen und wo Sie es sonst finden.

  • Keine Sexualbegleitung. Sexualbegleitung und Sexualassistenz sind Angebote mit körperlichem Kontakt, meist für Menschen mit Behinderung. Das ist ein eigenes Feld mit eigenen Anbietern und hat mit Sexualtherapie nichts zu tun.
  • Keine Surrogatpartnerschaft. In einzelnen Ländern gibt es therapeutische Modelle mit Übungspartnerinnen. In der Schweiz ist das nicht Teil der sexualtherapeutischen Praxis.
  • Keine körperliche Untersuchung und keine Berührung. Untersuchungen gehören zur Ärztin, zum Urologen, zur Gynäkologin.
  • Keine Paarberatung im engeren Sinn. Wenn die Sexualität nur ein Schauplatz eines grösseren Beziehungskonflikts ist, ist Paartherapie das passendere Format. Häufig läuft beides ineinander.
  • Keine Behandlung von Straftaten. Bei rechtlich relevanten Anliegen sind forensische Fachstellen zuständig.

Wie ein Verlauf typischerweise aussieht

Kein Verlauf gleicht dem anderen, aber die Abfolge ist meist ähnlich.

  1. Erstgespräch. Was führt Sie her, seit wann, in welchen Situationen. Am Ende sagen wir beide, ob wir weitermachen wollen.
  2. Erhebung. Zwei bis drei Sitzungen, in denen wir die Vorgeschichte anschauen: körperliche Faktoren, gelernte Muster, die Rolle der Beziehung, frühere Erfahrungen. Hier zeigt sich häufig, dass mehrere Ursachen zusammenwirken.
  3. Zielklärung. Woran würden Sie merken, dass es besser ist? Diese Frage ist wichtiger, als sie klingt — sie entscheidet, woran wir arbeiten.
  4. Arbeitsphase. Gespräche in der Praxis, Übungen zu Hause. Hier verändert sich das Erleben, nicht nur das Verständnis.
  5. Abschluss. Was hat gewirkt, woran erkennen Sie einen Rückfall, was tun Sie dann. Ein Abschluss ohne diesen Teil ist unvollständig.

Bei umschriebenen Anliegen sind das wenige Sitzungen. Wo mehrere Themen zusammenkommen oder eine belastende Vorgeschichte mitspielt, dauert es länger.

Drei geöffnete Fenster in einer hellen Wand
Über Sexualität zu sprechen ist für die meisten ungewohnt — auch mit der Hausärztin. Foto: Hans Eiskonen auf Unsplash

Allein oder zu zweit?

Beides ist möglich, und keines ist der Königsweg.

Allein ist sinnvoll, wenn es um Ihre eigene Erregung, Ihre Wahrnehmung oder Ihre Vorgeschichte geht — oder wenn Sie noch gar nicht in einer Beziehung sind. Auch wer in einer Beziehung lebt, darf allein kommen: Sie brauchen dafür keine Erlaubnis und keine Begründung.

Zu zweit ist sinnvoll, wenn das Anliegen zwischen Ihnen entsteht: unterschiedliches Verlangen, ein Thema, über das nicht mehr gesprochen werden kann, eine Verletzung, die nachwirkt.

Häufig beginnt jemand allein, und die Partnerin oder der Partner kommt später dazu. Das ist ein normaler Verlauf, kein Umweg.

Wenn Sie Gewalt erlebt haben

Wenn Sie sexualisierte Gewalt oder Grenzüberschreitungen erlebt haben, sagen Sie das früh — ein Satz genügt, Einzelheiten braucht es nicht. Es ändert das Vorgehen: Körperbezogene Übungen kommen dann später, in kleineren Schritten und immer mit einer klaren Abmachung, wie Sie abbrechen. Was dabei hochkommt, ist kein Rückschritt, sondern eine Information. Zusätzlich beraten Sie die Opferhilfestellen kostenlos und vertraulich.

Wie Sie sich vorbereiten können

Sie müssen nichts vorbereiten. Wenn Sie mögen, helfen drei Notizen:

  • Seit wann und in welchen Situationen. Tritt es immer auf oder nur manchmal? Allein anders als zu zweit? Mit dieser einen Person anders als mit anderen?
  • Medikamente. Eine Liste. Antidepressiva, Blutdrucksenker, Hormonpräparate und einige Prostatamittel wirken auf Sexualität.
  • Was Sie schon versucht haben. Und was davon etwas gebracht hat.

Was Sie nicht brauchen: eine Erklärung, warum Sie kommen. Sexuelle Anliegen brauchen keine Rechtfertigung.

Warum viele so lange warten

Zwischen dem ersten Auftreten eines sexuellen Problems und dem ersten Termin liegen häufig Jahre. Die Gründe ähneln sich: Man wartet, ob es von selbst weggeht. Man vermutet, dass man der einzige Mensch mit diesem Problem ist. Man weiss nicht, an wen man sich wenden soll. Und Sexualität ist das Thema, über das am wenigsten gesprochen wird — auch mit der Hausärztin.

Das Warten hat einen Preis. Je länger ein Muster läuft, desto mehr Erfahrungen sammeln sich an, die es bestätigen: die Vermeidung, die Enttäuschung, die Erwartung, dass es wieder nicht klappt. Diese Erwartung ist bei den meisten sexuellen Funktionsstörungen ein wesentlicher Teil des Problems — nicht nur eine Begleiterscheinung.

Kosten, Kasse und Ablauf

Eine Sitzung von 60 Minuten kostet CHF 220, gleich ob Beratung oder Therapie. Die Termine finden am Grossmünsterplatz 6 oder am Zähringerplatz 11 in Zürich statt, auf Wunsch auch online. Bis 48 Stunden vor dem Termin ist die Absage kostenfrei, danach werden 60 Minuten in Rechnung gestellt.

Sexualberatung und Sexualtherapie rechne ich privat ab. Sie sind keine Pflichtleistungen der Grundversicherung. Läuft die Behandlung als Psychotherapie einer psychischen Störung mit Krankheitswert und liegt eine ärztliche Anordnung vor, kann sie über die Grundversicherung abgerechnet werden — darüber entscheidet aber nicht die Praxis, sondern Ihre Krankenkasse. Bis zu einer Zusage gilt der Privattarif. Alle Tarife und Bedingungen.

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Wenn es dringend ist

Dieser Text ist eine allgemeine Information und ersetzt weder eine Abklärung noch eine Behandlung im Einzelfall. In einer akuten Krise warten Sie nicht auf einen Termin: Die Dargebotene Hand ist rund um die Uhr unter 143 erreichbar, der Notruf unter 144. Bei Gewalt in akuter Gefahr wählen Sie die Polizei 117; für Beratung, Schutz und rechtliche Fragen ist die Opferhilfestelle Ihres Kantons zuständig — kostenlos und vertraulich.

Quellen

Alle Quellen zuletzt aufgerufen am 31. August 2026.

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